Der verstummte Veteran

Hien Phan fährt als Easyrider Touristen in das Hinterland von Vietnam. Dort wandelt er täglich auf den Spuren des Krieges – und auf seinen eigenen: Er war Soldat für die südvietnamesische Armee während des Vietnamkrieges.

Kaffe und Mr.Hien (1)

Mr. Hien auf einem Kaffeefeld bei Dalat.

Die Furchen sind von hier aus kaum zu sehen. Mr. Hien steht am Rande einer staubigen Straße bei Dalat und blickt über eine weite, von Sträuchern und Bäumen gesäumte Hügellandschaft. „Look, the holes in the forest“, sagt er und deutet mit dem Zeigefinger auf entferntere Hügel: In der regelmäßigen Waldlandschaft zeichnen sich tiefe Furchen ab. Das übrige Grün umgibt die Hügel wie eine Tonsur.

Dort wachsen keine Bäume mehr. Es sind die Stellen, an denen amerikanische Flugzeuge vor mehr als 40 Jahren Agent Orange streuten, um so die angreifenden Kommunisten zurückzudrängen. Mr. Hien hält seine beiden Hände so voreinander, als würde er mit einem Maschinengewehr schießen, während er vom Angriff der Viet-Cong erzählt. Ob er auch im Krieg war, frage ich ihn. „Yes“, antwortet er. Mehr nicht. Dann blickt er zu Boden und lässt uns alleine. „Take picture“, ruft er noch, während er wieder zu seinem Motorrad zurücktrottet.

„We did not want the war.“

Hien Phan ist 64 Jahre alt. Heute fährt er Touristen mit dem Motorrad durch das Hinterland von Zentral- und Südvietnam. Dort zeigt er ihnen Kaffeeplantagen, Dörfer der K’Ho-Minderheit, Wasserfälle – und Schauplätze des Krieges, der außerhalb des Landes als Vietnamkrieg bezeichnet wird. Wenn Hien und sein Kollege Mr. Thai allerdings davon sprechen, nennen sie ihn American War. „We did not want the war“, sagt Thai, der als Kind das zerstörerische Aufeinandertreffen zwischen Kommunismus und Kapitalismus miterleben musste.

Hien ist vier Jahre älter als Thai. Er war damals kein Kind mehr, sondern alt genug, um in der südvietnamesischen Armee gegen die Viet-Cong und den kommunistischen Norden kämpfen zu müssen.

Das 1897 von den Franzosen gegründete Dalat blieb während des Kriegs weitgehend verschont – die Villen der einstigen Kolonialherren thronen noch heute auf den Hügeln der Stadt. Schwerere Gefechte gab es nur in den ersten Monaten des Jahres 1968, während der Tet-Offensive. 1975 fiel die Stadt kampflos an den kommunistischen Norden.

Hier sind es nicht die augenfälligen Dinge, die vom Krieg zeugen. Nicht als Touristenattraktionen konservierte Orte, wie die Cu-Chi-Tunnel der Viet-Cong in Saigon, wo Besucher für einen Dollar mit einer AK-47 schießen dürfen. In Dalat hat die Natur und die Zeit begonnen, sich die Kriegsschauplätze zurückzuholen – wer sie sehen will, muss sich auskennen.

Soldat Hien schweigt.

Hien kehrt heute als Easyrider fast täglich zu den Zeugnissen des Krieges zurück: zu den von Napalm vernarbten Wäldern und zu den Gerippen einstmaliger Infrastruktur. Wir machen Halt auf einer Brücke auf dem Highway 20, der Dalat mit Saigon verbindet. Hien steigt von seiner alten Honda ab und erzählt mit stoischer Nüchternheit von dem, was hier mehr als 40 Jahre zuvor passiert ist. Auf beiden Seiten der Brücke starren verlassene Geschütztürme wie Schädel in den Abgrund. Danben stehen noch die Pfeiler einer älteren Brücke. Sie diente zur Versorgung der nordvietnamesischen Truppen, sagt Hien. Deswegen zerstörten sie die Amerikaner in einem Bombenangriff.

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Mr. Hien erzählt von dem Angriff der Amerikaner auf die Brücke. Von ihr sind nur noch die Pfeiler zu sehen.

Wenn Hien davon erzählt, lässt er nur sich selbst aus. Dann zieht er sich wieder zurück, zündet sich eine Zigarette an und lässt uns alleine. „Take picture“, sagt er. Es wirkt, als wolle er über seine Rolle im Krieg nicht sprechen. Soldat Hien schweigt.

In der Erfolgsgeschichte des Easyriders Hien aber hat Soldat Hien keinen Platz mehr. Nach dem Krieg beginnt Hien, als Motorradtaxifahrer zu arbeiten. Als sich Vietnam Mitte der 80er Jahre für die Marktwirtschaft und den Tourismus öffnet, organisieren Hien und einige andere Motorradfahrer, Touren für Touristen. Hien bezeichnet sich selbst als Gründer dieser Gruppe.

Er ist stolz auf das, was er nach seiner Zeit als Soldat aufgebaut hat. Als wir am Abend vor der Tour in sein Büro kommen, präsentiert er uns mehrere Ausschnitte aus alten Reiseführern und Zeitschriften, in denen er als Gründer erwähnt wird. Für ihn sind diese Dokumente Echtheitszertifikate und Patentbriefe, die sein Konzept schützen sollen.

Denn: 2003 betitelte der Reiseführer Lonely Planet die Gruppe um Mr. Hien als „Dalat Easyriders“ und pries deren Konzept. In den darauf folgenden Jahren kopierten unzählige Motorradfahrer die Idee – in Vietnam gibt es kein Copyright. Allein in Dalat gibt es mindestens zehn verschiedene „Original Dalat Easyriders“ oder „Vietnam Easyriders“. Jede echter und originaler als die andere.

„Germans are difficult.“

Das bringt Hien und Thai in Rage, weil dadurch die Skepsis unter den Touristen zunehme. Die Deutschen seien besonders schlimm: „Germans are difficult. Even if we show them what travelling guides or other travellers write about us, they don’t believe us“, sagt Thai. Er sieht das Auftauchen anderer Easyrider-Gruppen aber gelassen. „As long as they make a good job and don’t blame the Easyrider-Name, it’s okay.“ Immerhin sei das Konzept für viele eine gute Einnahmequelle, wie auch für ihn und Hien.

Für die beiden ist das Easyrider-Leben aber mehr als das: ein Arrangieren mit der Gegenwart des sozialistischen Staates. Die Erneuerungspolitik Vietnams hat ihnen das Easyrider-Geschäft möglich gemacht. Thai sieht zwar die Armut und Not der ländlichen Bevölkerung täglich, ein Aufbegehren gegen den Staat kann er sich aber nicht vorstellen: „We are now one nation. We don’t want fighting anymore. It’s good for now“, sagt er, während wir bei einem Wasserfall halten.

Hien sagt nichts dazu. Er nimmt seinen Helm ab und zeigt in die Richtung, aus der die tosenden Geräusche des Wasserfalls kommen und sagt: „Go, take picture.“ Dann wendet er sich wieder ab.

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