„I helped you, you buy from me!“

Der Tourismus hat den ethnischen Minderheiten im Norden Vietnams die Hoffnung auf Wohlstand gebracht. Doch der Preis dafür ist hoch: Ein radikaler Wandel des sozialen Gefüges und der Kultur der H’Mong. 

Meine Wanderschuhe sind nur noch schwere, rutschige Matsch-Kugeln. Es ist nicht leicht, auf dem schmalen, matschigen Pfad, der in das Muong Hoa Tal führt, die Balance zu halten – und so rudere ich mit den Armen, als mein rechter Fuß einen Stein übersieht. Noch bevor ich mich selbst wieder fangen kann, befindet sich mein linker Arm im festen Griff einer fremden Hand.

Ich blicke zur Seite und schaue in das Gesicht einer älteren Frau der H’Mong, einer ethnischen Minderheit im nördlichen Bergland Vietnams. Sie trägt ein buntes Tuch auf dem Kopf, einen Korb aus Bambus auf dem Rücken und schaut mich mit einem entwaffnenden Lächeln an. „Where are you from?“, fragt sie mich. „Germany“, antworte ich. Unsere Unterhaltung bleibt rudimentär, ihr Griff wird umso fester.

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Vor zwei Stunden sind Nina und ich mit acht weiteren Reisenden von Sa Pa im Norden Vietnams aus aufgebrochen. Zwei Tage lang wollen wir mit einem Guide – einer jüngeren H’Mong-Frau namens Sho – das Muong Hoa Tal östlich der kleinen Bergstadt erkunden. Etwa eine halbe Million H’Mong leben heute im Norden Vietnams. Sie kennen die verschlungenen Gebirgspfade, sind täglich von ihren Dörfern im Tal zum Markt in Sa Pa unterwegs. Zehn Frauen begleiten uns heute – eine helfende Hand für jeden Reisenden.

Hilfe gegen Konsum

Als wir ein Dorf erreichen, umklammere ich nun statt einer Hand zwei Pferdeminiaturen aus Bambus. Meine Begleiterin hat sie unterwegs für mich gebastelt. Jetzt steht sie vor mir, ihr herzliches Lächeln ist einem mitleiderregendem Hundeblick gewichen. Mit beiden Händen hält sie mir Taschen, Silberschmuck und bunte Stoffgürtel entgegen: „I helped you, you buy from me!“ Ich habe sofort ein schlechtes Gewissen, lehne aber höflich ab. Meine Begleiterin lässt nicht locker, und inzwischen haben sich noch vier andere Frauen der H’Mong dazugesellt, die mir alle ihre Produkte verkaufen wollen.“Only buy from me!“, rufen sie.

Ich fühle mich unwohl, jetzt nichts zu kaufen. Aber ich weiß auch nicht, was ich mit den Produkten anfangen sollte. „They’re playing with your feelings!“, sagt Javier, ein Mitreisender aus Chile, als wir endlich am Mittagstisch sitzen. Es ist, als hätte ich einen unausgesprochenen Vertrag gebrochen, der geschlossen wurde, als ich die Hand meiner Begleiterin ergriff: Hilfe gegen Konsum.

Für die H’Mong und viele andere ethnische Minderheiten Vietnams hat sich der Tourismus in den letzten 20 Jahren zu einer wichtigen und lukrativen Einnahmequelle entwickelt: Laut einer Studie von Dinh Thu Thuy und Yos Santasombat der Chian May Universität verdiente 2012 die Hälfte aller Haushalte im Dorf Ta Phin bei Sa Pa rund vier Millionen Dong mit dem Tourismus (umgerechnet ca. 190 US-Dollar). Ein Großteil der ethnischen Minderheiten in Vietnam lebt nach wie vor unter der nationalen Armutsgrenze von 1,15 US-Dollar pro Tag – das Geschäft mit den Touristen weckt Hoffnungen auf Wohlstand, Reichtum und Geld. Die Bloggerin Natasha Amar schreibt über ihre Freiwilligenarbeit in einem Dorf der H’Mong, dass jetzt viele der jungen Mädchen dort im Ausland studieren oder kleinere Unternehmen gründen wollen. „These aspirations would be unthinkable if tourism had not brought with it the idea that there was a life outside Sapa.“

Die ethnische Minderheit als fotowürdige Rarität

Bevor Sa Pa von der vietnamesischen Regierung zur Touristenregion erklärt wurde, lebten die H’Mong in geschlossenen Gemeinschaften mit wenig Kontakt zu anderen Vietnamesen, geschweige denn zu Ausländern. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie mit dem Anbau von Reis; Bekleidung, Schmuck und Armbänder wurden hauptsächlich für den Eigenbedarf produziert. Doch mit dem Aufkommen des ethnischen Tourismus in Vietnam Anfang der 90er wurde diese Minderheit zur fotowürdigen Rarität erklärt. Sho, unsere Führerin, erzählt stolz: „We have as many as 54 ethnic minorities in Vietnam!“ Und so steigen seit Mitte der 90er die Besucherzahlen in Sa Pa stetig an: Waren es 1996 noch 9300, kamen 2011 bereits 632000 Besucher in das nördliche Bergstädtchen.

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Seitdem verändert der Tourismus den Lebensstil der H’Mong drastisch. Denn während das meiste Geld bei den großen Reiseagenturen in Hanoi bleibt, versuchen die um Sa Pa lebenden H’Mong umso radikaler, ihren Anteil am Gewinn einzufordern. Die Tourismusmanagement-Doktorandin Gian Phi sagt in einem Interview auf einem Blog: „They used to be in a really closed society, where everybody loves and cares for each other, but now it’s more about competing for tourist money. Because the money came in so fast, that a lot of them don’t know how to deal with it.“

Während wir weiter durch das Dorf nahe Sa Pa laufen, wird der Satz „I helped you, you buy from me!“ zum Mantra der H’Mong-Frauen und zu unserer Marschmusik. „Spa“- und „Wellness“-Schilder zieren die Wände alter Holzhütten mit Wellblechdach. Fernseher und Computer sind durch die offenen Türen zu sehen, Motorbikes stehen davor. In einer „Traditional Stone-Art“-Werkstatt werden kleine Steinfiguren in Mengen angeboten, mit denen man sämtliche Dörfer im Tal versorgen könnte. Ehemalige Reislager werden zu professionellen Homestays, das Dorf zu einem Raritätenkabinett. Auf einem fernen Berg thront die Fassade eines entstehenden Luxus-Ressorts.

Der Tourismus verändert die Rolle der Frauen

Die ethnischen Minderheiten um Sa Pa haben sich auf den Tourismus spezialisiert. Er hat ihnen das Versprechen vom Wohlstand gebracht, neue Arbeitsplätze und ein neues Selbstbewusstsein geschaffen. Dinh Thu Thuy und Yos Santasombat schreiben in ihrer Studie, dass viele Familien der Yao-Minderheit ihre Reisfelder inzwischen verpachten und sich gänzlich auf die Produktion von Souvenirs für Touristen eingestellt haben. Viele der Taschen und Armbänder würden nicht mehr nach den kulturellen Eigenheiten, sondern nach dem Geschmack der Touristen gestaltet – teilweise in industriellem Ausmaß. Rituale und Feste richteten sich heute mehr nach der Reisezeit der Touristen als dem religiösen Kalender, schreiben sie.

Der ethnische Tourismus in Sa Pa verändert das soziale Gefüge der H’Mong. Durch den steigenden Verkauf der Taschen, Gürtel, Armbänder und des Schmucks übernehmen die Frauen nun allmählich die Aufgabe der Männer: Die Versorgung der Familie. Die Bloggerin Juliette Lacharnay berichtet von einer H’Mong-Familie, in der der Mann die Feldarbeit niedergelegt und zu trinken begonnen hat, weil seine Frau inzwischen mehr Geld nach Hause bringt als er.

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Uns haben die Frauen inzwischen verlassen; sie sind nach Hause gekehrt oder zurück nach Sa Pa, um dort den neu angekommenen Touristen zu helfen. Am Rande des Dorfes passieren wir ein Gebäude, das unter den tristen Holzhütten wie ein gelber Paradiesvogel hervorsticht: die Grundschule. Sie wirkt neu, modern. Einige aus unserer Gruppe wagen einen Blick in die Klassenzimmer. Der Lehrer erklärt an der Tafel, die Schüler hören still zu. Auf die fremden Besucher an der Tür reagiert niemand. Touristen gehören zum Alltagsrauschen, selbst in der Schule, die laut Sho der Tourismus erst möglicht gemacht habe. „Every child has the chance to go to school now“, sagt sie.

Am nächsten Morgen sind wir im Bambuswald unterwegs – ich stolpere. Um ein Haar verfehle ich eine ausgestreckte Hand. Ich blicke zur Seite: Ein junges, schüchternes Mädchen der H’Mong im schulfähigen Alter blickt mich an. „Can I help you?“, fragt sie.

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