{"id":84,"date":"2015-01-07T12:05:51","date_gmt":"2015-01-07T12:05:51","guid":{"rendered":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/?p=84"},"modified":"2015-01-07T12:05:51","modified_gmt":"2015-01-07T12:05:51","slug":"gestorben-wird-lange","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/?p=84","title":{"rendered":"Gestorben wird lange"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<address>Die Ahnenverehrung ist in Vietnam allgegenw\u00e4rtig. Verstorbene pr\u00e4gen den Alltag der Familien noch f\u00fcnf Generationen nach deren Tod.<\/address>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Ahnenkult-in-Vietnam.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-86\" src=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Ahnenkult-in-Vietnam-300x300.jpg\" alt=\"Ahnenkult in Vietnam\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Ahnenkult-in-Vietnam-300x300.jpg 300w, http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Ahnenkult-in-Vietnam-150x150.jpg 150w, http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Ahnenkult-in-Vietnam.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Rhythmisches Trommeln dr\u00f6hnt aus einem Haus in einem Dorf im Mekong-Delta. Pochende Gongschl\u00e4ge und weinende Kl\u00e4nge der Dan Co, einem vietnamesischen Saiteninstrument, vereinen sich mit dem Klirren von Sch\u00fcsseln und Tassen. W\u00e4hrend wir mit dem Motorroller an dem Haus vorbeifahren, dr\u00e4ngen sich viele Vietnamesen auf der Veranda. Sie tragen wei\u00dfe Stirnb\u00e4nder, einige sind ganz in Wei\u00df gekleidet. Schwaden blau-wei\u00dfen Rauchs wehen durch die Fenster. In diesem Haus ist jemand gestorben.<\/p>\n<p>Wenn hier getrauert wird, geschieht das nicht im schnellen Takt bayerisch-katholischer Kurzweiligkeit: Sterben, Aussegnen, Beerdigen, um unter endlosen Beileidsbekundungen zu Bratw\u00fcrsten mit Sauerkraut zu marschieren. Trauer in Vietnam ist laut, aufwendig und dauert lange.<\/p>\n<p>Auf einem Internetforum erz\u00e4hlt Giam Doc von den Trauerfeierlichkeiten f\u00fcr eine gute Freundin von ihm: &#8222;Unter dem Kl\u00f6ppeln, Klingeln und Beten eines M\u00f6nches haben wir sie eingesargt und h\u00fcbsch aufbereitet, f\u00fcr mich war das der Moment des Abschiedes, obwohl der Leichnam noch ein paar Tage im Haus lag. (&#8230;) Nach ein paar Tagen mit Hunderten von Verwandten, Essen, Trinken, Beten, Trommeln, Klimpern, Singen und wieder von vorn, ging dann der Zug zur Beerdigung. Dazu wurde ein Spezialfahrzeug gemietet mit einen roten Haus drauf, verziert mit goldenen Drachen, Schnitzereien und was wei\u00df ich noch, zudem ein LKW um all ihre pers\u00f6nlichen Sachen zum Verbrennen aufzunehmen und auch die acht Trommler, und Falschgeldwerfer, die Unmengen an Papier und Blattgold in der Gegend herumwarfen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Tote in dem Dorf im Mekong-Delta war Teil der Familie. Und er wird es weiter sein, er wird weiterhin den Alltag der Familie pr\u00e4gen: Mit ihnen essen, bei schwierigen Entscheidungen zuh\u00f6ren und das Tet-Fest mitfeiern. Denn der Tod ist f\u00fcr viele Vietnamesen kein Abschied des Menschen aus der Familie. Das soziale Sterben in Vietnam dauert lange: F\u00fcnf Generationen. So lange sendet die Familie dem Verstorbenen Essen, Reisschnaps, das neueste iPhone (aus Papier) und (Papier-)Geld ins Jenseits. Und sie holt sich Rat, berichtet dem Toten von den neuesten Familienereignissen. Der Sendekanal: Rauch der R\u00e4ucherst\u00e4bchen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir durch die D\u00f6rfer um die Provinz Ben Tre im nord\u00f6stlichen Mekong-Delta fahren ist der s\u00fc\u00dfliche Geruch der roten St\u00e4bchen unser Begleiter. In fast jeder Suppenk\u00fcche, Rollerwerkstatt, jedem Cafe, Hotel oder Stra\u00dfenverkauf stecken irgendwo ein paar dieser Sender ins Jenseits. Meist in Sch\u00e4lchen mit Sand, auf kleinen Hausalt\u00e4ren aus dunklem Holz, die mit kitschbunten Blinke-Lichterketten verziert sind.<\/p>\n<p>Der Ahnenkult ist in Vietnam allgegenw\u00e4rtig &#8211; und vor allem: konfessions\u00fcbergreifend. Es kommt nicht selten vor, dass auch Taoisten in buddhistischen Pagoden R\u00e4ucherst\u00e4bchen f\u00fcr die Vorfahren anz\u00fcnden. Der vietnamesische Pragmatismus umfasst auch Religionen.<\/p>\n<p>Und das auch noch auf einer anderen Ebene: Denn wenn das R\u00e4ucherst\u00e4bchen abgebrannt ist, ist der Sendevorgang beendet &#8211; die Gaben d\u00fcrfen dann von der Familie verbraucht werden. Es hei\u00dft, bei S\u00fc\u00dfigkeiten seien die R\u00e4ucherst\u00e4bchen von vornherein k\u00fcrzer.<\/p>\n<p>Bis die Seele des Toten im Mekong-Delta jedoch in den Hausaltar einzieht &#8211; meist in Form eines Portraitfotos &#8211; werden noch drei Jahre vergehen: Dann wird sich die Familie erneut versammeln und nachts zum Grab pilgern. Der \u00e4lteste Sohn wird dann einen Blick in das Grab werfen. Schauen, ob der Verwesungsprozess beendet ist. Dann wird er die Gebeine aus dem Grab nehmen, in hei\u00dfem Wasser abkochen und in einem kleinen, tempelartigen Grab beisetzen.<\/p>\n<p>Wir verlassen die D\u00f6rfer, weiter in das Mekong-Delta in Richtung Meer. Der Geruch der R\u00e4ucherst\u00e4bchen wird schw\u00e4cher. Neben satt-gr\u00fcnen Reisfeldern am Wegesrand wachsen Palmen und Str\u00e4ucher. Die grauen harten, tempelartigen Gebilde s\u00e4umen die Felder meilenweit. Die Musik der St\u00e4dte dringt nicht hierher. Hier herrscht Ruhe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"excerpt\">&nbsp; Die Ahnenverehrung ist in Vietnam allgegenw\u00e4rtig. Verstorbene pr\u00e4gen den Alltag der Familien noch f\u00fcnf Generationen nach deren Tod.<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"btn btn-default\" href=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/?p=84\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":85,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84"}],"collection":[{"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=84"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":87,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/84\/revisions\/87"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/85"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=84"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=84"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=84"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}