{"id":28,"date":"2014-12-23T01:55:53","date_gmt":"2014-12-23T01:55:53","guid":{"rendered":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/?p=28"},"modified":"2014-12-23T02:00:50","modified_gmt":"2014-12-23T02:00:50","slug":"i-helped-you-you-buy-from-me","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/?p=28","title":{"rendered":"&#8222;I helped you, you buy from me!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Tourismus hat den ethnischen Minderheiten im Norden Vietnams die Hoffnung auf Wohlstand gebracht. Doch der Preis daf\u00fcr ist hoch: Ein radikaler Wandel des sozialen Gef\u00fcges und der Kultur der H&#8217;Mong.\u00a0<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Meine Wanderschuhe sind nur noch schwere, rutschige Matsch-Kugeln. Es ist nicht leicht, auf dem schmalen, matschigen Pfad, der in das Muong Hoa Tal f\u00fchrt, die Balance zu halten &#8211; und so rudere ich mit den Armen, als mein rechter Fu\u00df einen Stein \u00fcbersieht. Noch bevor ich mich selbst wieder fangen kann, befindet sich mein linker Arm im festen Griff einer fremden Hand.<\/p>\n<p>Ich blicke zur Seite und schaue in das Gesicht einer \u00e4lteren Frau der H&#8217;Mong, einer ethnischen Minderheit im n\u00f6rdlichen Bergland Vietnams. Sie tr\u00e4gt ein buntes Tuch auf dem Kopf, einen Korb aus Bambus auf dem R\u00fccken und schaut mich mit einem entwaffnenden L\u00e4cheln an. &#8222;Where are you from?&#8220;, fragt sie mich. &#8222;Germany&#8220;, antworte ich. Unsere Unterhaltung bleibt rudiment\u00e4r, ihr Griff wird umso fester.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032304.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-29\" src=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032304-300x200.jpg\" alt=\"PSX_20141219_032304\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032304-300x200.jpg 300w, http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032304-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vor zwei Stunden sind Nina und ich mit acht weiteren Reisenden von Sa Pa im Norden Vietnams aus aufgebrochen. Zwei Tage lang wollen wir mit einem Guide &#8211; einer j\u00fcngeren H&#8217;Mong-Frau namens Sho &#8211; das Muong Hoa Tal \u00f6stlich der kleinen Bergstadt erkunden. Etwa eine halbe Million H&#8217;Mong leben heute im Norden Vietnams. Sie kennen die verschlungenen Gebirgspfade, sind t\u00e4glich von ihren D\u00f6rfern im Tal zum Markt in Sa Pa unterwegs. Zehn Frauen begleiten uns heute &#8211; eine helfende Hand f\u00fcr jeden Reisenden.<\/p>\n<p><b>Hilfe gegen Konsum<\/b><\/p>\n<p>Als wir ein Dorf erreichen, umklammere ich nun statt einer Hand zwei Pferdeminiaturen aus Bambus. Meine Begleiterin hat sie unterwegs f\u00fcr mich gebastelt. Jetzt steht sie vor mir, ihr herzliches L\u00e4cheln ist einem mitleiderregendem Hundeblick gewichen. Mit beiden H\u00e4nden h\u00e4lt sie mir Taschen, Silberschmuck und bunte Stoffg\u00fcrtel entgegen: &#8222;I helped you, you buy from me!&#8220; Ich habe sofort ein schlechtes Gewissen, lehne aber h\u00f6flich ab. Meine Begleiterin l\u00e4sst nicht locker, und inzwischen haben sich noch vier andere Frauen der H&#8217;Mong dazugesellt, die mir alle ihre Produkte verkaufen wollen.&#8220;Only buy from me!&#8220;, rufen sie.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich unwohl, jetzt nichts zu kaufen. Aber ich wei\u00df auch nicht, was ich mit den Produkten anfangen sollte. &#8222;They&#8217;re playing with your feelings!&#8220;, sagt Javier, ein Mitreisender aus Chile, als wir endlich am Mittagstisch sitzen. Es ist, als h\u00e4tte ich einen unausgesprochenen Vertrag gebrochen, der geschlossen wurde, als ich die Hand meiner Begleiterin ergriff: Hilfe gegen Konsum.<\/p>\n<p>F\u00fcr die H&#8217;Mong und viele andere ethnische Minderheiten Vietnams hat sich der Tourismus in den letzten 20 Jahren zu einer wichtigen und lukrativen Einnahmequelle entwickelt: Laut einer Studie von Dinh Thu Thuy und Yos Santasombat der Chian May Universit\u00e4t verdiente 2012 die H\u00e4lfte aller Haushalte im Dorf Ta Phin bei Sa Pa rund vier Millionen Dong mit dem Tourismus (umgerechnet ca. 190 US-Dollar). Ein Gro\u00dfteil der ethnischen Minderheiten in Vietnam lebt nach wie vor unter der nationalen Armutsgrenze von 1,15 US-Dollar pro Tag &#8211; das Gesch\u00e4ft mit den Touristen weckt Hoffnungen auf Wohlstand, Reichtum und Geld. Die Bloggerin Natasha Amar schreibt \u00fcber ihre Freiwilligenarbeit in einem Dorf der H&#8217;Mong, dass jetzt viele der jungen M\u00e4dchen dort im Ausland studieren oder kleinere Unternehmen gr\u00fcnden wollen. &#8222;These aspirations would be unthinkable if tourism had not brought with it the idea that there was a life outside Sapa.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Die ethnische Minderheit als fotow\u00fcrdige Rarit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Bevor Sa Pa von der vietnamesischen Regierung zur Touristenregion erkl\u00e4rt wurde, lebten die H&#8217;Mong in geschlossenen Gemeinschaften mit wenig Kontakt zu anderen Vietnamesen, geschweige denn zu Ausl\u00e4ndern. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie mit dem Anbau von Reis; Bekleidung, Schmuck und Armb\u00e4nder wurden haupts\u00e4chlich f\u00fcr den Eigenbedarf produziert. Doch mit dem Aufkommen des ethnischen Tourismus in Vietnam Anfang der 90er wurde diese Minderheit zur fotow\u00fcrdigen Rarit\u00e4t erkl\u00e4rt. Sho, unsere F\u00fchrerin, erz\u00e4hlt stolz: &#8222;We have as many as 54 ethnic minorities in Vietnam!&#8220; Und so steigen seit Mitte der 90er die Besucherzahlen in Sa Pa stetig an: Waren es 1996 noch 9300, kamen 2011 bereits 632000 Besucher in das n\u00f6rdliche Bergst\u00e4dtchen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032711.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-32\" src=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032711-300x168.jpg\" alt=\"PSX_20141219_032711\" width=\"300\" height=\"168\" srcset=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032711-300x168.jpg 300w, http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032711-1024x575.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Seitdem ver\u00e4ndert der Tourismus den Lebensstil der H&#8217;Mong drastisch. Denn w\u00e4hrend das meiste Geld bei den gro\u00dfen Reiseagenturen in Hanoi bleibt, versuchen die um Sa Pa lebenden H&#8217;Mong umso radikaler, ihren Anteil am Gewinn einzufordern. Die Tourismusmanagement-Doktorandin Gian Phi sagt in einem Interview auf einem Blog: &#8222;They used to be in a really closed society, where everybody loves and cares for each other, but now it&#8217;s more about competing for tourist money. Because the money came in so fast, that a lot of them don&#8217;t know how to deal with it.&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir weiter durch das Dorf nahe Sa Pa laufen, wird der Satz &#8222;I helped you, you buy from me!&#8220; zum Mantra der H&#8217;Mong-Frauen und zu unserer Marschmusik. &#8222;Spa&#8220;- und &#8222;Wellness&#8220;-Schilder zieren die W\u00e4nde alter Holzh\u00fctten mit Wellblechdach. Fernseher und Computer sind durch die offenen T\u00fcren zu sehen, Motorbikes stehen davor. In einer &#8222;Traditional Stone-Art&#8220;-Werkstatt werden kleine Steinfiguren in Mengen angeboten, mit denen man s\u00e4mtliche D\u00f6rfer im Tal versorgen k\u00f6nnte. Ehemalige Reislager werden zu professionellen Homestays, das Dorf zu einem Rarit\u00e4tenkabinett. Auf einem fernen Berg thront die Fassade eines entstehenden Luxus-Ressorts.<\/p>\n<p><strong>Der Tourismus ver\u00e4ndert die Rolle der Frauen<\/strong><\/p>\n<p>Die ethnischen Minderheiten um Sa Pa haben sich auf den Tourismus spezialisiert. Er hat ihnen das Versprechen vom Wohlstand gebracht, neue Arbeitspl\u00e4tze und ein neues Selbstbewusstsein geschaffen. Dinh Thu Thuy und Yos Santasombat schreiben in ihrer Studie, dass viele Familien der Yao-Minderheit ihre Reisfelder inzwischen verpachten und sich g\u00e4nzlich auf die Produktion von Souvenirs f\u00fcr Touristen eingestellt haben. Viele der Taschen und Armb\u00e4nder w\u00fcrden nicht mehr nach den kulturellen Eigenheiten, sondern nach dem Geschmack der Touristen gestaltet &#8211; teilweise in industriellem Ausma\u00df. Rituale und Feste richteten sich heute mehr nach der Reisezeit der Touristen als dem religi\u00f6sen Kalender, schreiben sie.<\/p>\n<p>Der ethnische Tourismus in Sa Pa ver\u00e4ndert das soziale Gef\u00fcge der H&#8217;Mong. Durch den steigenden Verkauf der Taschen, G\u00fcrtel, Armb\u00e4nder und des Schmucks \u00fcbernehmen die Frauen nun allm\u00e4hlich die Aufgabe der M\u00e4nner: Die Versorgung der Familie. Die Bloggerin Juliette Lacharnay berichtet von einer H&#8217;Mong-Familie, in der der Mann die Feldarbeit niedergelegt und zu trinken begonnen hat, weil seine Frau inzwischen mehr Geld nach Hause bringt als er.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032831.jpg\"><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-medium wp-image-34\" src=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032831-300x168.jpg\" alt=\"PSX_20141219_032831\" width=\"300\" height=\"168\" srcset=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032831-300x168.jpg 300w, http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/PSX_20141219_032831-1024x575.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Uns haben die Frauen inzwischen verlassen; sie sind nach Hause gekehrt oder zur\u00fcck nach Sa Pa, um dort den neu angekommenen Touristen zu helfen. Am Rande des Dorfes passieren wir ein Geb\u00e4ude, das unter den tristen Holzh\u00fctten wie ein gelber Paradiesvogel hervorsticht: die Grundschule. Sie wirkt neu, modern. Einige aus unserer Gruppe wagen einen Blick in die Klassenzimmer. Der Lehrer erkl\u00e4rt an der Tafel, die Sch\u00fcler h\u00f6ren still zu. Auf die fremden Besucher an der T\u00fcr reagiert niemand. Touristen geh\u00f6ren zum Alltagsrauschen, selbst in der Schule, die laut Sho der Tourismus erst m\u00f6glicht gemacht habe. &#8222;Every child has the chance to go to school now&#8220;, sagt sie.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen sind wir im Bambuswald unterwegs &#8211; ich stolpere. Um ein Haar verfehle ich eine ausgestreckte Hand. Ich blicke zur Seite: Ein junges, sch\u00fcchternes M\u00e4dchen der H&#8217;Mong im schulf\u00e4higen Alter blickt mich an. &#8222;Can I help you?&#8220;, fragt sie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"excerpt\">Der Tourismus hat den ethnischen Minderheiten im Norden Vietnams die Hoffnung auf Wohlstand gebracht. Doch der Preis daf\u00fcr ist hoch: Ein radikaler Wandel des sozialen Gef\u00fcges und der Kultur der H&#8217;Mong.\u00a0<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"btn btn-default\" href=\"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/?p=28\">Read more<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":29,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[2],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28"}],"collection":[{"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=28"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28\/revisions\/33"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/29"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=28"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=28"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/reiseblog.christianbasl.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=28"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}